Spoiler Time: Rot oder blau?
Ich habe zwar keine Ahnung, wie lange ich diese Rubrik durchziehen werde, aber man kann's ja mal mit etwas neuem versuchen: In "Spoiler Time" geht es um - richtig geraten - Spoiler. Genauer gesagt wende ich mich Momenten in bestimmten Videospielen zu, die mich auf die ein oder andere Art und Weise beeindruckt haben. Wer sich diese Momente nicht vorwegnehmen lassen möchte, der sollte natürlich nicht weiterlesen. 
Ausschlaggeber für diese Rubrik war "Disaster: Day of Crisis" für Wii. Dieses Spiel hat nämlich gegen Ende eine Situation geliefert, die auf den ersten Blick banal scheint, für mich aber gerade deswegen irgendwie großartig ist. Vielleicht liegt das aber auch daran, wie ich diese Szene erlebt habe.
Kurzzusammenfassung des Spiels: Als Raymond Bryce erlebt man einen wahrhaft katastrophalen Tag. Er erlebt nämlich hautnah eine Naturkatastrophe nach der anderen. Das beginnt mit einfachen Dingen, wie etwa einem Erdbeben, und endet im Hochwasser. Beziehungsweise auf hoher See, denn das Finale (der damit verbundene letzte Shoot-Out könnte übrigens absurder gar nicht sein) findet auf einem Schiff statt. Nachdem der Bösewicht von "Disaster" aus dem Weg geschafft ist, bleibt allerdings noch eine Bedrohung: Ein Atomsprengkopf, der ebenfalls auf dem Schiff ist.
Ray bleibt also nichts anderes übrig, als das Ding zu entschärfen. Glücklicherweise befindet sich an Bord jemand, der ihm dabei - über Funk und mit reichlich Abstand - helfen kann. Wir eilen also zur Bombe, stellen fest, dass der Kahn schon so weit unter Wasser steht, dass der Knallkörper ebenfalls schon Schwimmunterricht nimmt, lösen ihn von seiner Ankerung und ziehen ihn an Land. Von da an beginnt der große Entschärfungs-Krimi. Hat jemand "Trauma Center: Under the Knife" bzw. "Second Opinion" gespielt? Nein? Okay, auch egal.
Nun befinden wir uns also bei der Bombe, haben gut sechs Minuten Zeit zur Verfügung. Ray und sein Kollege verquatschen locker die erste, bevor es endlich zu Aktionen kommt. Ein Code ist gefordert. Klassiker. Und natürlich funktioniert dieser nicht. Also schrauben wir das Ding auf und kappen ein paar Drähte. Da es hier lediglich auf das Timing ankommt, ist die ganze Geschichte noch einfach. Jetzt entfernen wir die große Platine, nur um darunter mit einer altbekannten Actionfilm-Szene konfrontiert zu werden.
Vor uns liegen zwei Drähte - der eine rot, der andere blau. Einer entschärft die Bombe, der andere jagt sie hoch.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch gut 1 1/2 Minuten Zeit zur Verfügung. Kann ja nicht so schwer sein. Doch es wäre kein "Day of Crisis", wenn nicht etwas schiefgehen würde. Genau in dem Moment, als unser Kollege durchgeben möchte, welcher der beiden Drähte zu kappen ist, verlieren wir den Funkkontakt. Wir sind auf uns allein gestellt. Zwar besteht die Option, den Funk zu überprüfen, mehr als statisches Rauschen kommt da aber nicht bei rum.
Jetzt habe ich lange und ausführlich gerätselt. Welcher Draht ist es? Die beiden führen zu einer schwarzen Box, von dort aus gehen mehrere Kabel nach draußen. Könnte das ein Hinweis sein? Ich habe testweise ein paar dieser Kabel verfolgt und daraus geschlussfolgert, dass es der rote Draht sein muss. Doch da gibt es ein Problem: Teile der Kabel werden von der Box verdeckt, außerdem gehen vier Kabel von dieser aus, nicht zwei. Kann ich mir da also wirklich sicher sein? Ich überprüfe den Funk. Immer noch nichts. Und ich habe jetzt nur noch 50 Sekunden übrig.
Also schaue ich mir ein weiteres Mal die ganze Verdrahtung genau an. Wo könnte ein Hinweis stecken? Irgendwie muss das Ding doch zu knacken sein! Aber es hilft nichts: Eindeutige Hinweise bleiben aus. Nur noch 30 Sekunden. Immer noch kein Funk. Verdammt! Also gut... Dann gehe ich einfach meiner ersten Vermutung nach, bewege Drahtzange zum roten Draht, hoffe das Beste und drücke A und B.
Es hat geklappt.
Der Timer stoppt, die Bombe ist nun ungefährlich. Ich habe die letzte große Katastrophe der Hauptgeschichte abwenden können. Doch wie jetzt? Waren meine Überlegungen am Ende gar nicht mal so falsch? Schauen wir doch einfach mal in eine Komplettlösung, während die Credits über den Bildschirm laufen. Und so hätte man diese Situation meistern sollen:
In wahrlich allerletzter Sekunde (die letzten 10 oder so, um genau zu sein) steht der Funkkontakt plötzlich wieder und der Herr am anderen Ende des Apparats gibt ihm flugs die richtige Farbe durch. So hatten es die Entwickler vorgesehen und es wäre zu einem wirklich klassischen "in letzter Sekunde"-Moment geworden. Ganz grob gesagt hatte ich also einfach nur pures Glück mit meiner Wahl.
Doch genau das ist es, was ich an dieser Szene so cool finde. Ich bin nicht so vorgegangen, wie das Spiel es wollte. Stattdessen habe ich meine eigene Theorie entwickelt, diese wieder verworfen, bin ihr aber in Ermangelung an Alternativen am Ende doch nachgegangen. Dass ich mit dieser Taktik tatsächlich Erfolg hatte, finde ich weitaus cooler, als wenn mir per Funk kurz vor knapp den richtigen Draht genannt hätte. So nämlich ist dieser Bombenentschärfungs-Akt zu meiner Lieblingsszene von "Disaster: Day of Crisis" geworden. Einfach nur, weil ich so viel verdammtes Glück dabei hatte.


