Spoiler Time: Giratina macht Ernst
Okay, was zum Henker hat "Pokémon Platin" hier in dieser Rubrik verloren? Man könnte ja eigentlich nichts großartiges spoilern, wo doch alles im "Pokémon"-Franchise stets nach der selben Formel funktioniert: Junge/Mädchen kriegt Pokémon, sammelt Orden, besiegt böses Team, besiegt Liga, fängt alle Viecher. Doch da gibt es tatsächlich etwas, das mich bei speziell dieser Edition eiskalt erwischt hat. Und dieser Moment spielt sich vor dem Erhalt des achten Ordens statt, zu dem Zeitpunkt, als das Cover-Pokémon Giratina die Bühne betritt.
Doch bevor wir uns dem Moment zuwenden erst einmal ein paar Worte zur Story allgemein. Denn auch wenn es nicht wirklich so ausschaut, in meinen Augen ist die Geschichtsentwicklung einen Tick erwachsener geworden. Die "Rot/Blau/Gelb"- und "Gold/Silber/Kristall"-Generation boten uns Team Rocket, welche ich persönlich als glorifizierte Taschendiebe sehe. Zumindest kann ich mich spontan an keinen sonderlichen Tiefgang in ihrer Tatenmotivation erinnern. Team Magma und Team Aqua aus "Rubin/Saphir/Smaragd" hingegen waren etwas anders organisiert. Prinzipiell wollten beide Gruppen der Welt helfen, indem die eine mit Hilfe eines legendären Pokémons mehr Land und die andere mehr Wasser schaffen möchte. Doch just in dem Moment, als sie ihr Ziel erreicht haben, merken sie, dass sie einen Fehler begangen haben. Aus den ursprünglichen Feinden werden Verbündete - die zugegebenermaßen allerdings keinen sonderlichen Einsatz zur Katastropheneinschränkung zeigen. Das darf der Spieler nämlich selbst übernehmen.
Nun haben wir Team Galaktik. In "Diamant" und "Perl" waren die Ziele der Gruppe unter der Leitung von Zyrus noch ein wenig unklar. Okay, sie wollten eine neue Welt schaffen. Doch wieso genau? Die Frage wird in den Ursprungsversionen der vierten "Pokémon"-Generation nur ansatzweise geklärt. "Platin" hingegen verleiht gerade Zyrus die nötige Charaktertiefe, indem er viel früher mit dem Spieler bekanntschaft macht. Man erfährt, dass er Emotionen für überflüssig hält und daher einen Hass gegen die momentane Welt entwickelt hat. Sein Ziel ist es, mit den legendären Pokémon Dialga und Palkia eine komplett neue Welt zu erschaffen - eine Welt, in der die momentane Population nicht existieren würde. Nur Zyrus, der seine emotionalen Impulse schon längst aufgegeben hat. Um diese Aufgabe zu erfüllen, scheut er auch nicht, Leben zu opfern. Einen der drei Seen, die eine Schlüsselrolle spielen, entledigt er mit einer Bombe seines gesamten Wassers, nur um im Zentrum des Sees an ein wichtiges Pokémon zu kommen. Auf dem Weg zur Rettung des besagten Taschenmonsters sieht man zahlreiche Karpador auf dem Grund des Sees zappeln. Die Pokémon mögen schwach und nutzlos sein, dennoch ist es irgendwie bedrückend, sie so hilflos zu sehen.
Durch diese Aktionen entwickelt man mit der Zeit einen regelrechten Hass gegenüber Zyrus, der komplett fehlgeleitet ist und sich für die Krone der Schöpfung hält. Sogar einige seiner Team-Mitglieder zweifeln langsam an seinen Methoden. Im verzweifelten Versuch, die Welt vor der Neukonfiguration zu bewahren, macht man sich zur Speersäule auf, die im Zentrum der Sinnoh-Region wartet. Doch es ist zu spät: Zyrus hat Dialga und Palkia bereits rufen können und die beiden legendären Pokémon legen auch sofort los.
Doch plötzlich geschieht etwas unerwartetes. Zwischen den beiden Pokémon tut sich ein drittes Loch auf, ein pechschwarzes. Ein leichter, bläulicher Glanz liegt auf dem neuen Spalt im Raum und plötzlich erkennt man ein rot glühendes Paar Augen. Ein gigantischer schwarzer Schatten steigt aus dem Loch, entfaltet etwas, das wie Flügel aussieht. Dunkle Kleckse bedecken die direkte Umgebung und Zyrus sieht ein klein wenig überrascht aus. Doch er ist sich trotz dieser unvorhergesehen Ereignisse sicher, dass seine Pläne aufgehen werden. Er hält eine große Rede, wendet sich dem Spieler zu und ist drauf und dran, ihn in einem letzten Gefecht aus dem Weg zu schaffen. Der mysteriöse Schatten jedoch ist nicht untätig. Die Schwingen nehmen eine neue Form an. Es schaut aus, als würde das Wesen mit ihnen zu einem Schlag ausholen. An Flügeln lassen sich jedoch drei Dornen pro Seite ausmachen. Es wird doch nicht...?
Giratina holt zum Schlag aus und klappt die Flügel zusammen. Just in diesem Moment wird der Bildschirm schwarz.
Nach einigen Sekunden sehen wir endlich wieder alles. Dialga und Palkia sind verschwunden, das mysteriöse schwarz-blaue Loch jedoch besteht weiterhin. Und von Zyrus fehlt jede Spur.
Für einen Moment habe ich hier ernsthaft gedacht "Sie haben jemanden in einem 'Pokémon'-Spiel umgebracht. Und ein Pokémon ist der Täter!" Aus irgendeinem Grund war ich ziemlich geschockt, wo es doch meinen Kentnissen zufolge zum ersten Mal in der Seriengeschichte geschieht. Klar ist der Tod auch in der Welt von "Pokémon" nichts neues, gibt es doch (Pokémon-)Friedhöfe. Dass jemand allerdings vor den Augen des Spielers den Löffel abgibt, das ist neu.
Wie sich im Nachhinein herausstellt, hat Giratina Zyrus aber lediglich in das neue Gebiet von "Platin", die Zerrwelt, gebracht. Dort treffen wir erneut auf den emotionslosen Pausenclown und können ihm endgültig das Handwerk legen. Was danach aus ihm wurde? Wenn ich den Geschichtsverlauf richtig verstanden habe, ist er in der Zerrwelt geblieben. Zumindest wollen ihn zwei seiner alten Kameraden später aus eben dieser herausholen. Ein paasendes Schicksal eigentlich für jemanden, der ein derartig verzerrtes Weltbild hatte.
Auch wenn es sich leider nicht so abgespielt hat, wie ich es anfangs vermutete: Die Szene, in der Giratina zuschlägt, hat mich ziemlich hart erwischt. So hart, dass ich am Ende ziemlichen Respekt vor dem Wesen hatte. Normalerweise gebe ich jedem Pokémon der vierten Generation einen lustigen, erniedrigenden Spitznamen. Giratina durfte seinen Namen behalten. Als Lohn für sein Vorgehen gegen Zyrus.
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Miroque (17.6.09 15:15) Sehr schön und eindringlich geschrieben, Al! Immer wenn du über Videospiele schreibst, erinnere ich mich ihrer Schönheit. ^^ |


