Kinderkram mit Sandkasten
Über 4 Millionen verkaufte Exemplare hat "Dragon Quest IX: Hüter des Himmels" auf dem Konto... Und das allein in Japan. Verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die Traditions-RPG-Reihe aus dem Hause Enix dort wohl schon länger höher im Kurs steht. Die dortige Presse hat das Spiel dazu auch noch geradezu mit Lob überschüttet. Muss ja ein richtig dolles Ding sein, wie? Nach einer gefühlten Ewigkeit an Wartezeit (wobei es eigentlich nur ein ganzes Jahr war - für Nintendo-Verhältnisse völlig im Rahmen) sind wir Europäer an der Reihe und die ersten Stimmen aus dem Publikum klingen arg ernüchtert. Mancherorts sieht man noch ein solides, ja sogar gutes Kernspiel drin, an anderen Ecken wiegen die Nachteile schwerer. Ein Spiel spaltet also mal wieder das zockende Volk. Als wäre das etwas neues.
Dazu muss gesagt werden, dass die "Dragon Quest"-Reihe extrem traditionsbewusst ist. Gespeichert wird ausschließlich in Kirchen, es gibt Zufallskämpfe nach klassischem Runden-Muster und im Monsterpool findet sich immer ein bunter Haufen bekannter Gesichter - allen voran der blaue Schleim. Nun kommt "Dragon Quest IX" und mischt die Formel ein wenig auf. Die Zufallskämpfe sind weg (Gott sei dank!), die Gruppe besteht komplett aus vom Spieler zusammengestellten Gestalten, die Story rückt ein wenig in den Hintergrund und der Schwierigkeitsgrad sei so unterirdisch, dass man auch ohne große Taktik durchkäme - so die ersten Spielerstimmen, die ich hier vernommen habe.
Nach etwa 15 Stunden Spielzeit kann ich zumindest dem Story-Teil ein wenig zustimmen. Prinzipiell dreht sich "Hüter des Himmels" um euch, einen Himmlischen (=Engel) in einer Fantasy-Welt. Nach einem kleinen Unfall findet ihr euch als irgendwas zwischen Mensch und Himmlischer auf der Erde (oder im Protektorat, wie es die beflügelten Heiligenschein-Träger nennen) wieder und müsst einen Weg finden, wieder zu einem Vollblut-Engel zu werden. Oh, und außerdem möchte noch die Ursache für den Unfall ergründet werden. Um diesem Ziel nachzukommen, müsst ihr zunächst Benefizit einsammeln - Kristalle, die durch die Dankbarkeit der Menschen geformt werden. Danach sind die Früchte des Weltenbaums dran, die auf der Erde gelandet sind und dort für Chaos sorgen.
Während man nun aber seinem Auftrag nachgeht, hat die eigentliche Geschichte um euren Charakter im Grunde genommen Sendepause. Stattdessen werden kleinere Episoden aus dem Leben der Sterblichen verfolgt, die mit dem Ziel zusammenhängen. Um etwa Benefizit in einer großen Stadt zu Beginn des Spiels zu sammeln, muss ein gefährlicher Ritter vertrieben werden. Damit verknüpft ist eine nette, kleine Geschichte um das tragische Schicksal des missverstandenen Reiters. Erst, wenn ihr diese zu ihrem Happy Ending gebracht habt, geht es mit der Story eures Helden weiter. Zu sagen, dass "Dragon Quest IX" nur einen minimalen Story-Anteil hat, wäre daher meines Erachtens falsch. Es hat Story. Oder besser: Es hat Stories. Zugegeben, keine so episch wie man es sonst von Genrekollegen oder gar aus dem eigenen Haus gewohnt ist - zumindest habe ich bisher keine auf dem Level erlebt - aber die kleinen Geschichten führen einen dennoch recht gut durch's Spiel, wie ich finde.
Der zweite Lieblingsnörgelpunkt scheint jedoch der Schwierigkeitsgrad zu sein. Auch hier kann ich der Menge nur teilweise zustimmen. Ja, die Kämpfe gegen das 08/15-Monstervolk sind nicht der Rede wert. Stell die K.I.-Mitstreiter auf Autopilot, hämmer auf A und fertig. Aber entweder bin ich ein ziemlich mieser RPG-Spieler (wäre gut möglich, würde aber nicht erklären, warum ich mit "Shin Megami Tensei: Strange Journey" kaum Probleme habe) oder die Bossgegner von "Dragon Quest IX" haben einiges auf dem Kasten. Bereits der zweite Boss (der bereits erwähnte schwarze Ritter) hat mich bereits mehrere Anläufe gekostet - mit einer Gruppe von vier Leuten. Spätere Chefgegner entpuppten sich als nicht minder fies. Und von den Bonus-Bossen in den Grotten, die sich per Schatzkarte finden lassen, wollen wir gar nicht erst reden. Gerade letztere sollen vor allem nach Spielabschluss noch um einiges härter werden. Die Herausforderung IST da. Und sollte man sich doch ein wenig mehr fordern wollen, kann man seine Gruppe auch auf Wunsch reduzieren. Schließlich handelt es sich bei den Begleitern um keine relevanten Charaktere.
Was wiederum der nächste Streitpunkt wäre. Wer "Dragon Quest VIII" auf der PlayStation 2 gezockt hat, wird sich doch mit Sicherheit noch an Yangus erinnern. Der raue Gefährte der Gruppe, der auf seine eigene Art doch irgendwie sympathisch wirkt. Oder Ms. Fanservice, Jessica. Oder auch Angelo, der Templer. Alle Figuren tragen ihre eigene kleine Hintergrundgeschichte bei. Je mehr im Verlauf des Abenteuers man über sie erfährt, desto mehr schließt man sie ans Herz. Bei "Hüter des Himmels" jedoch? Charaktere können in einer der ersten Tavernen ganz nach eigenen Vorlieben zusammengebastelt werden. Wie der Held selbst bleiben sie stumm. In den Zwischensequenzen kommen sie nicht vor. Sie sind im Prinzip nur Kampf-Maschinen - immer zur Stelle, wenn gekämpft werden muss. Ach ja, und Puppen, die man nach Lust und Laune bekleiden kann. In diesem Teil sieht man nämlich auch jedes Ausrüstungsstück am Charaktermodell. Ist eigentlich ein bisschen schade, dass man keine "lebendigen" Gefährten auf seiner Reise hat. Aber angesichts der Tatsache, dass die Handlung sich eh mehr um die Schicksale der Menschen unter der Obhut der Himmlischen Hüter dreht als um die eigene Gruppe selbst, könnte das auch schlichtweg eine Folge des Story-Fokus' sein. Wer weiß...
Und letztenendes soll ja alles Multiplayer-Kompatibel sein - was ich noch nicht testen konnte, da mein Bruder momentan nur ein mittelmäßiges Interesse am Spiel zeigt. Online gibt's leider nur Quest-Downloads. Aber dennoch gefällt mir "Dragon Quest IX" bisher sehr. Denn auch wenn es seine Schwächen haben mag, handelt es sich hierbei um ein wahres Umfangsmonster, das seine richtigen Herausforderungen wohl nur für die äußerst fleißigen Zocker bereithält. Ich bin gespannt, was mich noch so alles erwartet...
...und ob ich herausfinde, wo ich jetzt hin muss. Mal wieder typisch: Kaum liegt mir fast die ganze Weltkarte offen, verliere ich den Faden. Zeit zum Weltkarten-Abklappern!
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(30.7.10 12:54) Eine Frage an dich: Gab es nicht auch mal ein Dragon Quest, in dem man selbst Monster züchten konnte? Sonst verwechsel ich irgendwas^^ |
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Alanar / Website (30.7.10 15:48) Jupp, gab es. "Dragon Quest Monsters" nennt sich das, hat in Europa einen Teil auf dem GameBoy Color (drei in Amerika und Japan) und einen auf dem DS ("Dragon Quest Monsters: Joker"). Letzteres kriegt demnächst auch einen Nachfolger. |


